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Markdown – mehr als Textformatierung

Obsidian setzt aus gutem Grund auf Markdown. Das Format hat sich weit über seinen ursprünglichen Zweck hinaus entwickelt. Heute wird es nicht nur zum Schreiben einfacher Texte genutzt, sondern begegnet uns überall: in README-Dateien auf GitHub, in Dokumentationssystemen, in Forenbeiträgen und sogar in Schreibprogrammen wie iA Writer oder Ulysses, die Markdown als minimalistisches Schreibformat integriert haben.

In den letzten Jahren ist Markdown zu einem Quasi-Standard für die Texterstellung geworden. Es ist universell einsetzbar und bleibt zugleich so flexibel, dass sich Erweiterungen für spezielle Anwendungsfälle entwickeln lassen.

#Ein Blick in die Geschichte von Markdown

Markdown ist eine sogenannte Markup‑Sprache. Markup‑Sprachen beschreiben die Struktur und die Bedeutung von Daten und Texten, und nicht ihr Aussehen.

Die erste Markup‑Sprache wurde bereits in den 1970er‑Jahren von den IBM‑Mitarbeitern Charles Goldfarb, Ed Mosher und Ray Lorie entwickelt. Sie nannten sie GML nach den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen. Später entstand daraus die Bezeichnung Generalized Markup Language, auf Deutsch Allgemeine Auszeichnungssprache (Introducing XML, its history, what it is, its significance).

Schon bei GML war das Ziel, technische Dokumentationen mit strukturellen Tags auszuzeichnen, die die logische Bedeutung oder Funktion eines Elements beschreiben, anstatt Formatierungsanweisungen direkt in den Text einzubetten. Die Idee war also, Inhalt und Darstellung zu trennen.

In den frühen 1990er‑Jahren entwickelte Tim Berners‑Lee mit HTML (HyperText Markup Language) die wohl bekannteste Markup‑Sprache. Auch HTML definiert in erster Linie die Struktur und Semantik eines Dokuments, also was eine Überschrift ist, welche Daten als Tabelle dargestellt werden sollen oder welche Wörter hervorgehoben werden. Wie diese Elemente dargestellt werden, überlässt HTML den Browsern. (A brief history of CSS until 2016

Mit HTML 3.2, das 1997 vom W3C standardisiert wurde, kamen erste Darstellungsattribute hinzu, etwa align=center oder Farb‑Angaben für Hintergründe. Damit konnten Web‑Entwickler erstmals direkt Einfluss auf das Erscheinungsbild einer Seite nehmen. Doch diese Freiheit hatte einen Preis: Die Trennung von Inhalt und Design ging verloren.

In der zweiten Hälfte der 1990er‑Jahre begann die Entwicklung von CSS (Cascading Style Sheets). Mit HTML 4.0 wurde CSS erstmals offiziell in die HTML‑Spezifikation integriert, und die Idee der klaren Aufgabenteilung wurde wiederhergestellt:

flowchart TD
  A[Inhalt & Struktur<br/>HTML] --> B[Design & Layout<br/>CSS]
  A --> C[Logik & Interaktion<br/>JavaScript]

Diese drei Ebenen (Inhalt & Struktur, Design & Layout und Logik & Interaktion) prägen bis heute, wie wir über digitale Inhalte denken. Autoren kümmern sich um den Text und seine Struktur, Designer um das Layout und Entwickler um die Interaktion.

Aber HTML ist für das flüssige Schreiben zu komplex. Man musste Tags öffnen und schließen, die Syntax beachten und den Code strukturieren. Es war eine Sprache für Maschinen und nicht für Menschen, die einfach schreiben wollten.

Markdown wurde 2004 von John Gruber zusammen mit Aaron Swartz entwickelt. Ihr Ziel war es, ein Format zu schaffen, das man lesen und schreiben kann, ohne HTML kennen oder ständig Formatierungssymbole auswendig lernen zu müssen.

Die Idee war einfach: Wenn ein Text in Markdown geschrieben ist, soll er im Rohformat lesbar bleiben, so wie man einen Brief, eine Notiz oder ein Handbuch lesen würde.

So brauchte ein Autor statt:

<h1>Überschrift erster Ordnung </h1>
<p> Die ist eine Absatz, in dem dieses <b>Wort</b> fett geschrieben wurde.</p>
<p> Einzeiter Absatz</p>

Nur noch zu schreiben:

# Überschrift erster Ordnung
Die ist ein Absatz, in dem dieses **Wort** fett geschrieben wurde.

Einzeiter Absatz

Zur ursprünglichen Markdown‑Spezifikation von John Gruber (Daring Fireball: Markdown) gehörte auch ein kleines PHP‑Skript, das den in Markdown geschriebenen Text in HTML umwandelte. So konnte Gruber seine Texte in einem einfachen Texteditor schreiben, in HTML konvertieren und direkt in sein Blog einfügen. Der Web-Browser übernahm dann die Darstellung.

#Obsidian und Markdown

Im Prinzip folgt Obsidian dem gleichen Ansatz wie Gruber: Es versteht Markdown nicht mehr nur als reine Auszeichnungssprache für das Generieren von HTML für ein Blog, sondern als zentrales Systemformat, mit dessen Hilfe Obsidian die einzelnen Notizen zu einem Wissensnetzwerk verbinden kann.

Außerdem bietet Obsidian einen integrierten, auf Markdown optimierten Editor, eine flexible Dokumentenverwaltung und eine Reihe spezieller Markdown‑Erweiterungen. Das erleichtert das Erstellen und die Vernetzung von Notizen. Darüber hinaus ermöglicht Obsidian weitere Inhaltsformen, etwa Diagramme mit Mermaid, mathematische Formeln mit MathJax oder visuelle Darstellungen von Notizen und ihren Beziehungen auf einem Canvas.

Die Darstellung erfolgt ähnlich wie bei Gruber durch einen Parser, der das Markdown in HTML umwandelt. Dieses HTML wird anschließend zusammen mit den CSS‑Definitionen des aktiven Themes im Obsidian‑Fenster gerendert. So trennt Obsidian, wie schon Grubers ursprüngliches Konzept, die Struktur des Inhalts von seiner Darstellung und nutzt sie als Grundlage für ein ganzes Wissenssystem.

Es kann etwas verwirrend sein, dass Obsidian offenbar nicht nur eine Rendering‑Engine besitzt, sondern drei. Zunächst gibt es den Renderer im Live‑Preview‑Modus, der sich an einigen Stellen anders verhält als der Renderer im Lesemodus. Außerdem soll auch der Renderer von Obsidian Publish teilweise abweichend reagieren; das habe ich bisher allerdings noch nicht selbst getestet. Wenn du planst, diesen Modus zu nutzen, solltest du zu Beginn prüfen, wie sich bestimmte „Formatierungstricks“ in den unterschiedlichen Renderern auswirken.

Markdown ist ein offener Standard, das heißt, es gibt keine so formalisierte Standardisierung wie bei HTML. Daher existieren Dutzende von Varianten mit teilweise komplexen Erweiterungen, die für spezielle Anwendungsfälle optimiert sind.

Um diese Vielfalt zumindest etwas einzudämmen, wurde versucht, mit den Spezifikationen von CommonMark und GitHub Flavored Markdown die Verwendung von Markdown verlässlicher zu machen.

Obsidian sowie viele andere Markdown‑Editoren orientieren sich daran, halten sich aber nicht immer streng daran. Auch Obsidian weist einige Abweichungen auf (s. a. Obsidian Flavored Markdown - Obsidian Help):

Erweiterung in Obsidian Beschreibung in Obsidian Standard-Markdown Alternative oder Schreibweise
Wikilinks [[Note]] Interner Link zwischen Notizen im Vault. [Name](Datei.md) – Standard-Markdown Link zu einer Datei
Blockreferenzen ^blockid Verweis auf einen bestimmten Absatz/Block in einer Note. Keine direkte Entsprechung in Standard-Markdown (nur Überschriften mit #)
Einbettungen ![[Datei]] Datei oder Note direkt in eine andere Note einbetten. ![Alttext](Datei.png) für Bilder oder [Text](Datei.pdf) für Datei-Link; echte Einbettung nicht Teil des Standards
Callouts > [!info] … Spezielle Anzeigeform für Hinweise, Warnungen etc. Blockquote mit > im Standard-Markdown; spezielle Hinweis-Syntax gehört nicht zum Standard
Mathematische Formeln (MathJax) $$ … $$ Formeln im Display-Modus innerhalb einer Note. Standard-Markdown kennt keine eingebaute Formelsyntax; externe Renderer nötig
Mermaid-Diagramme Diagramme mit eigener Syntax (z. B. graph TD …) direkt in der Note. Nicht Teil von Standard-Markdown; wird als Erweiterung genutzt

Obsidian macht so aus Markdown mehr als nur ein Format: Es verwandelt Notizen in ein Netzwerk aus Bedeutung, und Beziehungen.

#Ausblick

Im nächsten Kapitel „Markdown und Auszeichnungen in Obsidian“ gehen wir einen Schritt weiter. Du lernst, wie du die klassischen Markdown‑Elemente gezielt einsetzt und welche erweiterten Auszeichnungsoptionen Obsidian anbietet. Von Überschriften und Listen über Tabellen bis zu Callouts und Einbettungen. Wie in diesem Kapitel dargestellt, ist das Ziel dieser Auszeichnungsoptionen nicht nur zu definieren wie deine Notizen aussehen, sondern sie werden durch die Verwendung strukturierter und aussagekräftiger.